Es gibt eine Spezies, die mich innerhalb von Sekunden dazu bringt, meinen berüchtigen Gift- und Galleschwall zu spucken: Arschkrampen, die an der Supermarktkasse auf Körperkontakt gehen. Die Atmosphäre ist angespannt, man wartet bis es einen Anlass gibt, mal ordentlich auszuflippen. Warten an der Kasse scheint vielen Menschen fünf Minuten ihrer Lebenszeit zu rauben, die sie sonst in die Krebsforschung investiert hätten. Ich warte gerne, wozu nur die ganze Hektik? Ich bin schließlich nicht wie mein Vater, der sich seinerzeit in der Aldischlange mal mit einem Vordrängler geprügelt und mit einem ordentlichen Hieb mit einer Dose Ravioli seinen Platz in der Schlange verteidigt hatte.
Meistens sind die Stressmacher allerdings die, die am meisten Zeit haben. Grauhaarige Eminenzen wie Gerda, die noch schnell ein Pfund gute Butter kaufen müssen, um Eberhard sein Mittagskotelett in der Pfanne zu frittieren. Eberhard wartet zu hause und blickt sorgenvoll in den Lokalteil des örtlichen Käseblättchens. „Überall nur Chaoten und das Heizöl wird auch wieder teurer! Potztausend!“ An der Supermarktkasse geht es nicht voran, Gerda wird unruhig. Und was macht man da? Genau, man beginnt, sich von hinten wie bei einer zünftigen Polonaise an den Vordermann anzukuscheln. Hilft das nicht bei der Beschleunigung des Kassiervorganges, vermutlich weil es der Kassiererin völlig egal ist, schiebt Omi etwas verbissener mit dem Einkaufswagen nach, gerne in die Hacken des Vordermannes.
Während Omis in der Warteschlange dank ihrer guten Erziehung beim BDM eher etwas verhalten sind, traf ich heute im örtlichen Ramschladen ein besonderes Exemplar, das durch lautes Herumvokalieren ihren Unmut äußern wollte und beinahe Schnappatmung bekam.
Aus den dunkeln Gefilden der Teppichdomäne kommt also eine dicke Frau angeschnauft. Sie hat einen flotten Kurzhaarschnitt mit einer pinken Strähne im Pony und hat sich einen unförmigen lindgrünen Sack übergestreift. Bei Bauer sucht Frau wäre sie die frustrierte Frisöse Fabrizia mit dem Faible für figurformende Fangopackungen gewesen. In ihren unförmigen Pranken sieht das winzige Päckchen mit Nägeln irgendwie grotesk aus. Die farbigen Isolierbänder haben die Größe von Froot Loops. Fabrizia ist fest entschlossen, ihre Beute innerhalb der nächsten 30 Sekunden zu bezahlen. Dagegen spricht eine gefühlte 100 Meter lange Schlange an der Kasse, an deren Kopf eine vom Leben gebeutelte Frau in nahezu perfektionierter Langsamkeit einen Gardinenring nach dem anderen über den Scanner zieht.
Fabrizia wird unruhig und äußert dies durch rhythmisches Schnaufen, wobei ihr nach kaltem Rauch und Zahnfäule riechender Atem mein Nackenfell aufrichten lässt. „Hmmmmööö!“ (Übersetzung: „Warum geht das nicht schneller?“). Um weiter ihren Unmut zu bekunden, stampft sie alle fünf Sekunden mit den dicken Sohlen ihrer Plateauschuhe auf. Man hat schließlich keine Zeit und Zeit ist Geld und Geld kommt vom Amt. „Manno!“ (Übersetzung: „Ich muss noch Kippen kaufen!“). Sie schiebt sich näher an mich heran, ihr Atem nimmt mir den Atem. Dank meiner Zwergengröße rieche ich ihren natürlichen Körpergeruch, Frittenfett, aus nächster Nähe. Alles in allem eine sehr brisante Mischung. Es grunzt ein „Hmpf!“ (Übersetzung: "Ich flippe gleich aus!“) und schmiegt sich weiter an mich. Ich möchte nicht kuscheln und versuche das Ding mit dem länglichen Karton meiner Kleiderstange auf Abstand zu halten. Fabrizia scharrt mit den Gummihufen und versucht einem wilden Stier gleich, meine Ware auf ihr Horn zu nehmen. In diesem Fall ein Metallkegel ihres 90er Jahre Augenbrauenpiercings. Der Ramschladen verwandelt sich in eine Arena.
Ich beginne, einem feurigen spanischen Matador gleich, leichtfüßig um sie herumzutänzeln und ihr kleine Mikadostäbchen mit gefälschten CE-Zeichen aus der Spielzeugabteilung in den Nacken zu spießen. Ich schnalze mit der Zunge und möchte sie mit einem ebenso feurigen „Olé!“ zu kleinen Piouretten animieren. Fabrizia schäumt vor Wut, schüttelt sich die Mikadostäbchen ab und röhrt „Gnaaaaa!“ (Übersetzung: „Verpiss dich, Blondchen!“). Als ich beginne, mit meiner Tussitasche vor ihr rumzufuchteln, flippt Fabrizia völlig aus, schmeißt mir ihr Isolierband gegen den Kopf und rennt ohne zu bezahlen aus dem Laden. Wenn Fabrizia weiter so stresst und raucht, bekommt sie bestimmt bald einen Herzinfarkt.
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