Schön war es zur Weihnachtszeit in Hörde.
Der Schnee rieselte nicht in die Nasenlöcher der Anwohner, sondern leise vom Himmel herab und bedeckte gnädig den herumliegenden Müll, die zahlreichen Pfandfaschen und auch die im Rinnstein schlafenden Anwohner. Ich begann im meiner zwangsgestörten Art pünktlich wie jedes Jahr am ersten Advent mit der Weihnachtsdekoration:
Zentimeterdickes Schneespray an allen Fenstern, bunte Lichterketten, Keramikweihnachtsmänner sowie einer lilafarbenen Lacktischdecke mit aufgedruckten, goldenen Christbaumkugeln, Marke Stilsicher. Ich war die Familie Griswold aus dem Ghetto, meine Familie eher der Onkel Eddie. Der leise rieselnde Schnee wandelte sich über Nacht in ein ordentliches Schneegestöber und bedeckte nun auch knietief die Bürgersteige. Also musste ich Schneeschüppen. Wie jeden Tag. Wie jedes Jahr. Machte ja sonst keiner. Herr Breit linste aus seinem Badezimmerfensterchen und rief voller Anerkennung: „Das haste aber gut gemacht! Ich würde dir ja helfen, aber ich hab ja Rücken! Wegen der Zeche, weißte.“ „Ach fick dich!“ brummelte ich und stapfte erzürnt zurück in meinen Traum aus Kitsch und schaltete meinen blinkenden Waldorfkindergartenstern im Fenster an, um meinem Hass Ausdruck zu verleihen.
Ich stellte mich mit meinem Kater ans Fenster, guckte dem Schneetreiben und den taumelnden Alkoholikern zu. Dann kam mich der Geist der vergangenen Weihnacht kam besuchen. (Jetzt müsst ihr euch vorstellen, dass wie im Fernsehen bei einem Blick in die Vergangenheit das Bild mystisch verschwimmt!).
Ich habe ja seit frühster Jugend ein weihnachtliches Trauma. Es liegt nicht daran, dass die kleine Frau Schweinemett im Alter von vier Jahren heimlich ein Mon Chérie in die Tasche ihres Rüschenkleides gesteckt hatte und nach dem Verzehr das ganze Weihnachtsfest über wie ein Domspeiher kotzen musste. Nein, es lag an dem Plastiktannenbaum meiner Mutter. Meine Mutter hatte irgendwann die seltsame Anwandelung entwickelt, dass echte Tannenbäume BÄH sind, weswegen sie sich genötigt fühlte, sich im Wertkauf einen Plastiktannenbaum zu 20 Mark zu kaufen.
Und diesen jedes Jahr an Heiligabend mit einem lauten Getöse aus dem Kellergrab zu holen, in dem dieses Volldesaster aus grünem Plastik das Jahr über in vor sich hingeschimmelt hatte, um das Ungetüm dann zu entstauben und in unsere Stube zu stellen. Zu allem Übel hatte sie sich noch eine Lichterkette gekauft, an der man mittels eines Trafos in Weihnachtsmannform verschiedene blechern quakende Melodien und Blinkgeschwindigkeiten einstellen konnte. An der Nase des Weihnachtsmannes konnte man zwischen den Stufen „Märchenhaftes Sternenglimmen“, „Geht so“, „Augenkrebs“ und „Epileptischer Anfall“ wählen. Meine Mutter verursachte bei uns unzählige Gehirnkrämpfe, bei dem sich die ganze Familie schaumspuckend zu „Glory Glory Halleluja“ auf dem Boden wand.
Als wir unsere Zungen abgebissen hatten, war es Zeit zum Essen. Es gab jedes Jahr Fondue. Jedes verdammte Jahr. Ich weiß, das ist Jammern auf hohem Niveau. Die armen Kinder in Afrika haben ja nichts essen, weil sie aufgrund der ganzen weihnachtlichen Spenden verlernt haben, selbst mit ihren kleinen Händen den Acker zu bearbeiten und ich beklage mich über Mixed Pickles und eingelegte Möhrensalate mit Frühlingszwiebeln aus dem Glas. Nachdem meine Mutter den Tisch mit gräßlichen dunkelgrünen Fonduetellern aus den 60er Jahren gedeckt hatte, legte sie mit einem grenzdebilen Grinsen zur Stimmungsmache ihre Richard Claydermann CD auf (das ist ein französischer Unterhaltungspianist mit der Frisur vom kleinen Lord.) Sie summte verträumt und weiterhin wie meine Oma zu hochdementen Zeiten zu dem fürchterlichen Geklimpere herum, während sie beherzt ein Stück totes Tier im spritzenden Fett ausbuk. Meine Schwester und ich nölten herum, wanden uns unruhig auf den Stühlen hin und her. Erst Fondue, dann Geschenke! lautete das eiserne Motto von Frau Claydermann. Mein Vater schwieg. Er hatte schon lange resigniert und ertrug seit Jahren neben Herrn Claydermann auch den alten Betroffenheitshippie Reinhard May, die bulgarische Wanderwarze Peter Maffay und Muttis Liebling Heintje.
Dem Christkind hatten meine Schwester und ich schon lange abgeschworen, da waren wir ganz abgeklärt. Wir hatten schon vor Jahren das geheime Geschenkelager im Bettkasten des elterlichen Schlafzimmers entdeckt, während die Eltern immer noch versuchten, den Schein zu wahren. „Oh, was das Christkind wohl für euch gebracht hat?“ orakelte meine Mutter, immer noch grenzdebil grinsend, wild über ihren Mixed Pickles herum. „Das gibt’s doch gar nicht!!!“ krähte die kleine Frau Schweinemett und schüttelte die Zöpfe hin und her. Meine Mutter holte zum elterlichen Rundumschlag aus: “Wer nicht ans Christkind glaubt, der bekommt auch keine Geschenke!“ Wir beteuerten demütig und von den verpackten Geschenken geblendet unsere Zugehörigkeit zur Weihnachtssekte und enterten das Wohnzimmer. Bevor wir das Geschenkpapier zerrissen, wurde von außen eine genaue Inspektion samt Schütteltest vorgenommen. Wir blieben unserem Motto „Ihhh weiche Geschenke!“ stets treu, weil weiche Geschenke zu 100% hässliche Kleidung beinhalteten. Klapprige Geschenke waren interessant, Rechteckige, biegsame der literarische Zonk. Meine Eltern schenkten sich nichts. Wie Herr Breit und ich. Er schnorrte nur von mir. (Der mystische Nebel lichtet sich wieder!).
Mein Nachbar Herr Breit entpuppte sich auch in diesem Jahr als Geist der verlotterten Weihnacht. Er tat es mir gleich und malte beschwingt mit seinem schwarzen Nagel des Zeigefingers ein paar Schneeflocken in die gelbe Nikotinschmiere an die Fenstern und genehmigte sich eine Flasche Glühwein, um mir danach aus seinem Mikrofon die schönsten Weihnachtslieder vorzulallen. Zusammen standen wir an den Fenstern, jeder natürlich in seiner Wohnung mit doppelt verschlossener Tür und warteten auf das Christkind
